Gastbeitrag – Stefan Schrader über den SpaceX-Börsengang, künstliche Intelligenz und die aktuelle Marktstimmung

Wo endet Vision, wo beginnt Spekulation?

Kommentar zum Marktgeschehen

Kann ein einzelner Börsengang ein Stimmungsbarometer sein?

„Der Weltraum, unendliche Welten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiff Enterprise …“ Das sind die legendären ersten Sätze der deutschen Synchronstimme von Harald Dietl im Serien-Klassiker Raumschiff Enterprise. Heute könnten wir anpassen auf das Jahr 2026 und die Abenteuer der Börsianer. Vielleicht ist es die enorme Fantasie und Abenteuerlust, die Anleger zur Beteiligung animiert und für diesen Börsengang fasziniert.

Um eines vorab klarzustellen: Das Unternehmen SpaceX ist großartig und es ist eine faszinierende und inzwischen extrem erfolgreiche Unternehmensentwicklung, auf die bisherige Altinvestoren bei SpaxeX schauen können. Das Unternehmen dominiert mit über 80 % Marktanteil den globalen Wettbewerb zu Orbitalstarts und betreibt mit 9.000 Satelliten, die schon im All sind, Starlink, den größten weltweiten Satelliten-Internetbetreiber, und hat in diesem stark wachsenden und hoch profitablen Geschäftsfeld mit über 11 Milliarden USD Umsatz im letzten Geschäftsjahr mehrere Millionen Kunden in 160 Ländern der Welt.

Ein gutes Investment zeichnet jedoch nicht nur die Geschäftsidee aus, sondern vor allem die Bewertung, zu der Anleger sich beteiligen können. Wenn man neu einsteigt, muss in der Zukunft der Profit erzielt werden, dafür muss es Anleger geben, die zukünftig bereit sind, noch mehr zu zahlen.

Da es mir und dem Team von Hörtkorn Finanzen im heutigen Sonntagsbriefing nicht darum geht, eine konkrete Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von einzelnen Investments zu geben, sondern dieses und andere aktuell zu beobachtende Marktphänomene (vor allem am Aktien- und Anleihenmarkt) einzuordnen, wollen wir auch gleich damit starten, das Bild über diesen einzelnen Börsengang hinaus noch etwas größer zu machen.

Kapitalmarktstratege - Stefan Schrader

Stefan Schrader
Kapitalmarktstratege
Hörtkorn Finanzen GmbH

Unser langjährig verbundener Geschäftspartner Stefan Schrader berät seit 01.07.2023 das Hörtkorn Team als freier Kapitalmarktstratege und steht unseren Kunden mit seinen Marktanalysen und Prognosen zu verschiedenen Anlagekategorien zur Seite. Seit 1994 ist er auf makroökonomische Analyse spezialisiert und für seine Arbeit in Anlageausschüssen und als Fondsmanager mehrfach mit Top Noten der renommierten Ratingagenturen Standard & Poors, Lipper, Morningstar, FWW ausgezeichnet.

Wie spät sind wir im Aktienmarktzyklus?

Eine Zunahme der Anzahl von Börsengängen sowie deren Größe und zugrunde gelegten (ambitionierten) Unternehmensbewertungen sind historisch ein Zeichen gewesen, dass der Aktienmarkt in einer reifen Phase angekommen ist, also entsprechend umfassendes Korrekturpotenzial hat. Mit den ebenso angekündigten Riesen-Börsengängen von zwei anderen großen Marktteilnehmern im Bereich künstliche Intelligenz, Antrophic und Opena AI, zeigt sich, dass wir genau in dieser Phase angekommen sind. Umso mehr wird das offenkundig, da etliche Sonderregelungen oder die Aufhebung von etablierten Regelungen greifen, damit auf der Anbieterseite möglichst viel Kasse gemacht werden kann. Es werden qualitative Merkmale, wie die Dauer der Börsennotierung oder auch die Mindestanteile an Aktien, die zur Preisfindung frei handelbar sein müssen (free float), deutlich reduziert, damit die SpaceX-Aktie zügig im jeweiligen Index zu finden ist. Das gilt gleichermaßen für die Index-Zusammenstellungen von NASDAQ, FTSE Russel und MSCI. Ich sehe diese Entwicklung mit Sorge, bedeutet es doch, dass die großen ETFs, also die einen Index abbildenden und in den letzten Jahren so beliebt gewordenen Investmentfonds, die Aktien demnächst nicht nur kaufen können, sondern kaufen müssen. Das wirft umso mehr Fragen auf, weil die verpflichtenden Halteperioden nach einem Börsengang für einige der Altgesellschafter ungewöhnlich kurz sind. Normalerweise haben Altanleger bei einem Börsengang längere sogenannte Lock-up-Perioden/Sperrfristen für den Verkauf ihrer Anteile. In diesem Fall ermöglicht man jedoch einigen Altinvestoren, unmittelbar nach dem Börsengang und schrittweise in den darauffolgenden Wochen und Monaten Anteile abzustoßen.

All diese Phänomene sind historisch zu beobachten, wenn Aktienmärkte in einer reifen Phase sind, also hohe Bewertungen und unverhältnismäßig positive Stimmungsniveaus erreicht wurden. Nun könnte man denken, dass dieser Börsengang eine Ausnahme ist. Das ist er auch, was das Ausmaß der Bewertungsfantasie und Zukunftsprojektion angeht. Dafür sollten Anleger jedoch dankbar sein. Die Kennziffern sind meines Erachtens nämlich auch ohne Detailverständnisse einigermaßen einzuordnen und sollten die Sinne schärfen.

Wie sieht es im breiten Aktienmarkt aktuell aus?

Natürlich gibt es regional und in den verschiedenen Segmenten der weltweiten Finanzmärkte IMMER Gelegenheiten, langfristig profitabel zu investieren. So ist es auch jetzt. Es gibt allerdings weniger als gewöhnlich attraktiv bewertete Anlagen im Bereich Aktien, so wie z. B. in Lateinamerika, wo die Bewertungen immer noch 5 % unter dem 30-Jahres-Durchschnitt liegen.

Schauen wir anhand des die relevantesten 500 Börsenunternehmen in den USA abbildenden S&P 500 auf die Bewertungen, so kann man feststellen, dass aktuell kapitalgewichtet die Hälfte der Unternehmen dieses Index mit einer Bewertung von mehr als dem zehnfachen JahresUMSATZ an der Börse gehandelt wird. Ja, Sie lesen richtig: Nicht Gewinn, sondern Umsatz!

Die aktuelle Marktbewertung der amerikanischen Aktien liegt in der Breite aktuell 41 % höher als der Durchschnitt der letzten 30 Jahre.

Anmerkung: Die Bewertungsgrundlage für diese Aussagen sind das Shiller KGV und Kurs-Buchwerte. Also Bewertungsindikationen, die ein Value Investor immer berücksichtigen wird.

Vor dem Hintergrund der beiden relevanten Kriege in der Ukraine und im Iran sowie der gestiegenen Inflation und der historisch schlechtesten Verbraucherstimmung in den USA, halte ich es schon für bemerkenswert und in Teilen sogar für alarmierend, wie leichtfertig und aus meiner Sicht naiv an der Börse angenommen wird, dass der Boom der künstlichen Intelligenz unverändert weitergehen und ohne nennenswerte Störungen den aktuell laufenden Wirtschaftsboom weitertragen wird.

Fazit und Schlussfolgerung

Heute ist es wohl besonders wichtig, einen Haftungsausschluss zu formulieren. Warum?

Weil Bewertungen keinerlei Aussagekraft zu kurz- und mittelfristigen Kurs- und Preisentwicklungen haben.

Unverblümter Blick auf Fakten

So platzte die Tulpen-Spekulation im Februar 1637, als der Wert der beliebtesten Tulpenknollen das Niveau des Wertes eines Stadthauses in Amsterdam erreicht hatte. Ein Käufer, der zum halben Preis einige Wochen vorher also zwei Knollen eingekauft hatte, vermochte im Zweifel und bei glücklichem Verkaufs-Timing aus den zwei Blumenknollen noch ein formidables Stadthaus zu machen.

Die Unterschiede zu damals und auch zur Tulpenknolle liegen auf der Hand. Künstliche Intelligenz und auch die massentaugliche Raumfahrt haben andere reale Wertschöpfungspotenziale in der Wirtschaft und im echten Leben als eine Zierpflanze im 17. Jahrhundert.

Microsoft – 16 Jahre Verluste für Anleger

Ein jedem von uns bekanntes Unternehmen, das zweifelsfrei großen Einfluss auf die weltweite Entwicklung des aktuellen 21.  Jahrhunderts hat, ist Microsoft. Trotz kontinuierlich steigender Umsätze und Gewinne, einem ausgeklügelten Geschäftsplan und mehrerer sehr robust laufender Geschäftsbereiche mussten Anleger, die Anfang 2000 Aktien des auch damals schon sehr profitablen Unternehmens kauften, über 16 Jahre warten, bis der Kurs nach der Korrektur wieder dem Einstiegspreis entsprach.

Microsoft ist daher sozusagen mein Lieblingsbeispiel, um aufzuzeigen, dass brillante Unternehmen, die prosperieren und Gewinne erzielen, trotzdem langfristig nicht an ihren Visionen, sondern am Gewinn im Verhältnis zur Bewertung gemessen werden. Zu teuer gekauft, kann es lange dauern, bis Anleger nach Korrekturen wieder im Plus liegen.

Ich rate Anlegern, sich immer vor Augen zu halten, dass Bewertungen zum Kaufzeitpunkt ein sehr valider Indikator über den zukünftig erzielbaren Gewinn bzw. für die erzielbare Wertentwicklung sind. Beides steht stark in Wechselwirkung. Das ist in der Kapitalmarktforschung gut dokumentiert. Der Gewinn ist tatsächlich sogar das Einzige, was langfristig Aktienkurse prägt, auch wenn sie kurzfristig für die Kursentwicklung vollkommen unwichtig erscheinen.

Binäre Anlageentscheidungen – nicht investiert zu sein, ist das größte Risiko

Logischerweise empfehle ich nicht, dass Anleger die Reißleine ziehen und alle ihre Aktien verkaufen sollen. Gleichwohl sollte man sich nicht blenden lassen von der KI-Story und der Maschinerie, die zu einem unkritischen Blick verleiten kann. Es ist gegenwärtig besonders wichtig, genauer hinzuschauen, wo und wie man sein Kapital investiert. Es gibt noch attraktive Segmente und Regionen an der Börse. Diese sind jedoch seltener geworden und kaum mit den medial propagierten Mainstream-Produkten abzudecken. Vor allem den unhinterfragten Kauf der aktuell gehypten KI-Storys und des breiten US-Aktienmarktes sehe ich äußerst kritisch.

Anleger sind also gut beraten, wenn sie im aktuellen Umfeld vermehrt jenseits der beiden vorgenannten Segmente Kapitalanlagen bevorzugen und auch Anlageklassen wie Immobilien und Private Equity (im Bereich Small und Midcaps) im Vermögensportfolio aufstocken. Jene beiden Segmente weisen nämlich anders als der Mainstream-Aktienmarkt teilweise äußerst attraktive Bewertungen aus und haben ein geradezu entgegengesetztes Stimmungsumfeld.

In jenen Segmenten erscheint mir die Stimmung doch deutlich schlechter als die tatsächliche Lage. Derartige Situationen haben sich in der Rückschau meist als gute Kaufgelegenheiten herausgestellt.

Investoren sind initiativ und passen Vermögensportfolien an

So gibt es etliche Investoren, die sowohl im Kleinen und Großen aus der aktuellen Bewertungsdispersion zwischen den verschiedenen Regionen und Anlageklassen einen Vorteil ziehen wollen. Manche nutzen es, um aktiv ein sogenanntes Rebalancing durchzuführen, also die Wiederherstellung einer ursprünglich gewollten Vermögensstruktur, die durch die Entwicklung der letzten Jahre heute oftmals anders aussieht als noch vor einiger Zeit, als man sich gegebenenfalls bewusst für ein bestimmtes Risiko-Rendite-Profil entschied.

Da sehr wahrscheinlich nahezu jeder Mensch, der diesen Marktkommentar und Gastbeitrag liest, US-amerikanische Aktien im Vermögen hat, ist es noch einmal besonders wichtig, klarzustellen, dass dieser Kommentar meine persönliche Meinung als Kapitalmarktstratege ist. Er stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar und auch keine Empfehlung, ob oder ob man sich nicht an Börsengängen beteiligen soll. Was mir jedoch wichtig und ein persönliches Anliegen bleibt, ist genau dann eine Sensibilisierung herzustellen, wenn sie bei Anlegern verloren zu gehen droht. Kapitalanlageentscheidungen sollten mit Blick auf das Gesamtvermögensportfolio ohnehin nie binär getroffen werden. Es sollte nie darum gehen, ob man eine Anlageklasse hat oder ob man sich nicht beteiligt, auf Aktien übertragen also komplett zu kaufen oder zu verkaufen. Es geht darum, die Sinne hochzufahren, wenn die Stimmung super ist, jedoch die empirischen validierten Warnzeichen vermehrt auftreten, so wie es jetzt ist. Es geht also nicht darum, ob oder ob nicht Anlagekategorien im Portfolio sind, sondern vor allem darum, A) welche genau und B) wie viel davon.

Ich bin als Mensch und auch in meiner Rolle als Kapitalmarktstratege und Portfoliomanager ein zukunftsgerichteter Akteur. Innovationen und das Streben nach Neuem und verbesserter Wertschöpfung sind die Treiber hinter Wohlstand und Grundlage von demokratischem Miteinander.

Wenn die Visionen hinter den Börsenbewertungen jedoch zu abenteuerlich werden, halte ich es wie der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt:

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Bei der Geldanlage sollte man wohl eher auf Gewinne und belastbare Cashflows setzen, die für berechenbare(re) Wertentwicklungen und Ausschüttungen sorgen.

Schlussbemerkung des Hörtkorn Teams:

Auch wenn das aktuell durch Euphorie geprägte Börsengeschehen interessant ist, so müssen wir bei Hörtkorn Finanzen schon festhalten, dass uns ein Ankauffaktor zur 10,4-fachen Jahresmiete, wie beim Immobilienfonds neustädter in Gießen, mit einer Anfangsausschüttung von 7 % p.a.* eher zusagt als die Beteiligung an einem Milliardenverluste schreibenden Unternehmen mit negativem Cashflow, an dem man sich zum 80- bis 100-Fachen des Jahresumsatzes beteiligen kann.

Für den direkten Kontakt zu uns können Sie  das Kontaktformular oder das Telefon (+49) 07131 949-206 wählen.

Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme.

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Juni 2026

*gemäß Prognoserechnung

Es handelt sich um eine unverbindliche Werbeinformation. Diese Informationen ersetzen nicht den jeweiligen Verkaufsprospekt. Sie enthalten lediglich Hinweise auf wesentliche Merkmale der Finanzanlagen, die angeboten werden. Alle Angaben wurden mit äußerster Sorgfalt zusammengestellt. Maßgeblich sind jedoch ausschließlich die jeweiligen, veröffentlichten, ausführlichen Emissionsunterlagen (Emissionsprospekt, Basisinformationsblatt bzw. Vermögensanlagen-Informationsblatt sowie evtl. Nachträge). Diese deutschsprachigen Unterlagen können bei Hörtkorn Finanzen GmbH über die unten angegebenen Kontaktdaten kostenlos angefordert werden.

Inhalte von Telefongesprächen und elektronischer Kommunikation, die die Vermittlung von oder die Beratung zu Finanzanlagen betreffen, zeichnet Hörtkorn Finanzen entsprechend den gesetzlichen Vorgaben auf. Die Aufzeichnungen werden 10 Jahre lang aufbewahrt.

Risiken: Der Erwerb einer Finanzanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen. Der in Aussicht gestellte Ertrag ist nicht gewährleistet und kann auch niedriger ausfallen. Grundsätzlich gilt: Je höher die Rendite oder der Ertrag, desto größer das Risiko eines Verlustes. Risikofaktoren sind z.B. höhere Kosten als kalkuliert; negative Prognoseabweichungen; geringere Verkaufserlöse bzw. Einnahmen; Änderungen der rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen; u. U. Fremdwährungsrisiken.

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Sabrina Kramer - Leiterin Investorenbetreuung
Sabrina Kramer - Leiterin Investorenbetreuung