Alle schauen auf KI

Wo Anleger noch freie Räume finden können

Die KI ist die große Figur unserer Zeit. Doch gerade weil sie fast den gesamten Blick auf sich zieht, lohnt sich für Anleger eine zweite Frage: Wo entsteht ihre wirtschaftliche Wirkung – und wo ist sie noch nicht vollständig eingepreist?

Der Torwart bindet den Blick

Vor einem Elfmeter steht der Torwart genau dort, wo der Schütze hinschaut. Er bewegt sich, macht sich groß und bindet die Aufmerksamkeit.

An den Kapitalmärkten übernimmt die künstliche Intelligenz derzeit die Rolle dieser Figur. Große Plattform-, Halbleiter- und Cloudkonzerne beherrschen Schlagzeilen, Kapitalströme und Anlegerfantasie.

Das ist nachvollziehbar: Sie liefern die Modelle, Chips und Rechenzentren, ohne die der Umbruch nicht stattfinden könnte. Zugleich spiegeln ihre Kurse bereits sehr hohe Erwartungen an Wachstum und Ertrag. Je größer die Aufmerksamkeit, desto kleiner kann der Spielraum für positive Überraschungen werden.

Für Anleger verschiebt sich deshalb die entscheidende Frage. Nicht: Wird KI wichtig? Sondern: Wo wird aus technischer Möglichkeit ein messbarer wirtschaftlicher Nutzen – und welche Unternehmen erhalten dafür bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit?

„Ein klares Anzeichen für eine Blase wäre, wenn wir nur über die Technologiekonzerne sprechen.“

Satya Nadella, CEO Microsoft | Weltwirtschaftsforum Davos 2026 | eigene Übersetzung

Vom Aufsehen zur wirtschaftlichen Wirkung

Die erste Phase des KI-Booms war eine Phase der Infrastruktur. Rechenleistung, Halbleiter, Cloudkapazitäten und große Sprachmodelle mussten aufgebaut werden. Dort waren die Gewinner schnell sichtbar. Die nächste Phase ist weniger spektakulär: KI muss in die Breite der Wirtschaft diffundieren – in Fertigung, Logistik, Forschung, Kundenservice, Verwaltung und Vertrieb.

„Durchdiffundieren“ klingt abstrakt, meint aber etwas sehr Praktisches. Ein Programm zu lizenzieren ist noch keine Transformation. Daten müssen geordnet, Schnittstellen geschaffen, Mitarbeiter geschult und Verantwortlichkeiten neu definiert werden. Erst wenn ein Prozess schneller, günstiger oder besser wird, entsteht ein Ertrag, der sich auch in Unternehmenswert übersetzen kann.

„Beim Dampf hat es 60 Jahre gedauert, bis die Dampfmaschinen die Gesellschaft verändert haben. Beim Strom hat es 30 Jahre gedauert. 15 Jahre waren es beim Internet. Die KI wird in sieben bis acht Jahren die Gesellschaft vollständig durchdringen.“

Roland Busch, CEO Siemens | Digital X | 8. September 2026

Das Zitat von Roland Busch ist zwar nur eine Prognose.

Aber es macht zwei Dinge sichtbar:

  1. Technische Verfügbarkeit ist ein Zeitpunkt, wirtschaftliche Durchdringung hingegen ein Prozess.
  2. Dieser Prozess vollzieht sich mit zunehmender Geschwindigkeit.

Gerade die zeitliche Lücke zwischen Erfindung und Marktdurchdringung kann für Investoren interessant sein. Denn während die Anbieter der Technologie im Rampenlicht stehen, beginnt ihre Wirkung bei den Anwendern oft erst.

Verbreitet, aber noch nicht tief verankert

Die deutschen Unternehmensdaten zeigen diesen Zwischenstand. 2025 nutzten 57 Prozent der Großunternehmen KI-Technologien. Bei mittleren Unternehmen waren es 36 Prozent, bei kleinen 23 Prozent. Größe erleichtert also offenbar den Einstieg. Über alle Unternehmensgrößen hinweg lag der Anteil bei 26 Prozent.

Anteil an Unternehemn, die bereits KI-Technologien nutzen

Doch Reichweite ist nicht gleich Tiefe. In einer Unternehmensbefragung der Bundesnetzagentur bewerteten die Befragten die heutige Bedeutung von KI für Prozesse und Produkte im Mittel erst mit 1,6 von 10 Punkten. Für die kommenden fünf Jahre erwarteten sie 4,1 Punkte. Das Bild ist damit zweigeteilt: KI ist angekommen, aber vielerorts noch Werkzeug am Rand und nicht Betriebssystem des Geschäfts.

Für Anleger ist genau diese Differenz relevant. Die Börse bewertet bei den Technologieanbietern bereits einen großen Teil der Zukunft. Bei Anwendern kann die Produktivitätswirkung dagegen noch vor ihnen liegen – sofern sie KI nicht nur ausprobieren, sondern in robuste Abläufe übersetzen.

„Verbraucher-KI mag die Schlagzeilen beherrschen – doch industrielle KI entfaltet die Wirkung“

Noch einmal Roland Busch, CEO Siemens | auf der Hannover Messe 2025  | eigene Übersetzung

Wer macht das Rennen – Großkonzerne oder Mittelstand?

Für die Großen sprechen Kapital, Datenbestände, eigene Fachabteilungen und der Zugang zu knappen Spezialisten. Sie können umfangreiche Plattformen aufbauen, Sicherheitsstandards definieren und Anwendungen über viele Standorte skalieren. Die Nutzungsquote von 57 Prozent bestätigt diesen Startvorteil.

Doch Größe erzeugt Reibung. Historisch gewachsene Systeme, internationale Zuständigkeiten, Datenschutz, Mitbestimmung und lange Investitionszyklen machen aus einem Pilotprojekt nicht automatisch einen neuen Standard. Der große Dampfer verfügt über starke Maschinen, braucht aber Strecke, um den Kurs zu ändern.

Im Mittelstand sind Budgets und Personal knapper. Dafür liegen Problem, Entscheidung und Umsetzung häufig näher beieinander. Eine Geschäftsführung, die den Nutzen einer Anwendung unmittelbar erkennt, kann einen klar umrissenen Prozess mitunter in wenigen Wochen testen. Ein mittelständischer Maschinenbauer muss kein eigenes KI-Modell entwickeln, um Ausfallzeiten vorherzusagen, Angebote schneller zu kalkulieren oder Qualitätsmängel früher zu erkennen.

Daraus folgt kein einfacher Sieger. Großunternehmen können früher und größer investieren. Gut geführte kleine und mittlere Unternehmen können einzelne sinnvolle Anwendungen schneller in den Alltag bringen. Entscheidend ist weniger die Unternehmensgröße als die Fähigkeit, aus Technologie einen wiederholbaren wirtschaftlichen Vorteil zu machen.

Fazit: Die freien Ecken suchen – wo die Wirkung zuerst sichtbar wird

Wo könnten Anleger die wirtschaftliche Wirkung von KI zuerst erkennen? Wahrscheinlich dort, wo viele gleichartige Vorgänge bislang viel Zeit und Personal beanspruchen. Eine Untersuchung mit mehr als 5.000 Kundenberatern ergab bereits eine Produktivitätssteigerung von durchschnittlich rund 15 Prozent. KI überträgt dabei das Wissen erfahrener Mitarbeiter auf die gesamte Organisation.

Bei Immobilien liegt das Potenzial vor allem in der Verwaltung: Verträge und Rechnungen auslesen, Mieteranfragen bearbeiten, Leerstände prognostizieren, Instandhaltung planen und Energieverbräuche steuern. Morgan Stanley hält 37 Prozent der untersuchten Tätigkeiten in der Immobilienwirtschaft für automatisierbar und erwartet daraus bis 2030 Effizienzgewinne von 34 Milliarden US-Dollar. Noch besteht jedoch eine große Lücke zwischen Versuch und Wirkung: Während in Deutschland 93 Prozent der befragten Immobilienentscheider KI bereits einsetzen oder dies planen, haben international erst fünf Prozent ihre wesentlichen Programmziele erreicht. Die entscheidende Aufgabe besteht nun in der deutlichen Skalierung funktionierender Anwendungen.

Peter Friedenauer, Geschäftsführer Hörtkorn Finanzen GmbH

Peter Friedenauer
Geschäftsführer
Hörtkorn Finanzen GmbH

Bei Infrastruktur wirkt KI doppelt. Sie hilft, Netze, Kraftwerke, Windparks und Verkehrswege besser auszulasten und vorausschauend zu warten. Gleichzeitig benötigt sie selbst Rechenzentren, Stromerzeugung, Netze, Transformatoren, Speicher und Kühlung. Nach Schätzung der Internationalen Energieagentur wird sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln.

Im Bereich Private Equity liegt die Chance weniger darin, das nächste KI-Unternehmen zu finden. Entscheidend ist, die Technologie in bestehende Beteiligungen hineinzutragen – in Einkauf, Vertrieb, Produktion, Wartung und Verwaltung. EQT arbeitet beispielsweise daran, KI-Anwendungen in mehr als 300 Portfoliounternehmen einzuführen. Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen können bereits schnellere Angebote, eine bessere Einsatzplanung oder geringere Fehlerquoten die Marge sichtbar verbessern. Innerhalb eines Beteiligungsportfolios lassen sich erfolgreiche Anwendungen anschließend auf weitere Unternehmen übertragen und skalieren.

Die ersten messbaren Profiteure dürften somit Unternehmen mit vielen standardisierten Abläufen sein. Danach folgen Betreiber von Immobilien, Industrieanlagen und Infrastruktur. Für Anleger bleibt jedoch die entscheidende Frage: Wer kann den Produktivitätsgewinn tatsächlich in höheren Ertrag übersetzen – und bei wem ist er noch nicht in der Bewertung enthalten?

Die freie Ecke liegt dort, wo drei Dinge zusammentreffen:

  • ein klarer Anwendungsfall,
  • eine handlungsfähige Unternehmensführung
  • und eine Bewertung, die den möglichen Nutzen noch nicht vorwegnimmt.

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September 2026

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Sabrina Kramer - Leiterin Investorenbetreuung
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