Finanzen verstehen:

Zins & Inflation – Ist Ihr Vermögen in Gefahr?

Man kann sein Geld nur ausgeben (= konsumieren) oder sparen, so eine volkswirtschaftliche Binsenwahrheit. Trotz Niedrigzinsphase sinkt im Euro-Raum relativ der Konsumanteil und die Sparquote ist seit 2009 leicht aber stetig gestiegen. Wie und wo sparen die Bürger ihr Geld? Die, die es sich leisten können, erwerben Vermögenswerte, allen voran Immobilien und Aktien. Die insgesamt sehr positive Entwicklung der Aktien in den letzten Jahren belegt dies. Andere Vermögenswerte, insbesondere Immobilien, können, anders als Aktien, aber nicht beliebig vermehrt werden, vor allem nicht in zentralen Lagen. Dass Immobilien regelmäßig mit einem erheblichen Anteil von niedrig zu verzinsenden Fremdkapital erworben werden (können), erhöht deren Rendite und steigert dadurch letztlich die Nachfrage. Diese wiederum lässt die Preise weiterhin steigen. Geht das so weiter?

In 2018 hat die EZB (Europäische Zentralbank) ihr billionenschweres Anleihenankaufprogramm („quantitative Lockerung“) auslaufen lassen. Dies weckte die Hoffnung, dass die Zinsen in einem insgesamt sehr guten gesamtwirtschaftlichen Umfeld nunmehr wieder zu steigen beginnen würden. Aber auch in den Nachwirkungen des Anleihenankaufprogramms entwickelte sich keine spürbare Inflationsrate; zuletzt betrug diese lediglich 1,2 % p.a. im Euro-Raum.

Draghis Pläne:

Nun hat EZB-Chef Draghi auf der jährlichen Konferenz im portugiesischen Sintra eine deutliche Kursänderung von der Abkehr vom Anleihenankaufprogramm angekündigt. Er sagte: Da sich nichts Wesentliches an der Inflationsrate ändere, die vorrangige Zielsetzung der EZB aber die Preisstabilität sei (und diese etwa 2 % Inflation p.a. bedeutet), müsse man erneut alle Mittel nutzen, um die Inflationsrate zu erhöhen.

(Konkret sagte Draghi: “In the absence of improvement, such that the sustained return of inflation to our aim is threatened, additional stimulus will be required” … “That aim is symmetric, which means that, if we are to deliver that value of inflation in the medium term, inflation has to be above that level at some time in the future.” … “further cuts in policy interest rates” …  “Will use all the flexibility within our mandate to fulfill our mandate – and we will do so again to answer any challenges to price stability in the future”.)

Die Rede bewirkte (erneut) Rekorde bei Niedrig-Zinsen.

Hier vertragen sich Theorie und Praxis scheinbar nicht:

Das Standard-Modell besagt, dass man nur genug an der Zinsschraube schrauben bzw. die Geldmenge massiv erhöhen müsse, um eine steigende Inflation zu erzwingen. Offensichtlich geschieht dies aber nicht. (In Japan hat man dies seit Jahrzehnten erfolglos versucht.) Die Gründe sind vielfältig. Einer der Gründe ist, dass eine (Geldmengen-induzierte) Nachfrageerhöhung nicht auf beschränkte Produktionskapazitäten stößt. Beispiel: Solange der Bäcker weiteres Brot backen kann, wird er einer erhöhten Nachfrage durch das „Mehr-Backen“ begegnen (und so seinen Umsatz bzw. seinen Gewinn erhöhen). Sollte er dann keine weiteren Brote mehr backen können, weil seine Ofenkapazität dies nicht mehr zulässt, dann – und erst dann – wird er den Preis erhöhen. Da es aber weltweit, überall „Bäckereien“ gibt, die noch Backkapazitäten haben, geschieht dies eben nicht.