Der Melt-down-Boom: Wenn die Krise der Staatsanleihen Sachwertpreise nach oben treibt

Ein Gastkommentar von Stefan Schrader, Kapitalmarktstratege und Multi-Asset-Portfoliomanager seit 3 Dekaden.

Der Anleihemarkt sendet ein deutliches Warnsignal

An den internationalen Kapitalmärkten geschieht derzeit etwas, das über eine gewöhnliche Schwankung der Zinserwartungen hinausgeht.

Am 18. August stieg die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf 5,327 Prozent p.a. – den höchsten Stand seit 2007. Zehnjährige US-Treasuries (Staatsanleihen) rentierten zeitweise mit mehr als 4,7 Prozent p.a. Gleichzeitig erreichten zehnjährige japanische Staatsanleihen mit knapp 3 Prozent p.a. den höchsten Stand seit rund drei Jahrzehnten. Auch in Deutschland, Frankreich und Großbritannien stiegen die Renditen langlaufender Staatsanleihen auf Mehrjahres- oder Jahrzehnthochs. (Quelle: Reuters)

Steigende Renditen bedeuten fallende Anleihekurse. Vor allem aber zeigen sie in diesem Fall: Investoren verlangen einen höheren Preis dafür, Staaten langfristig Kapital zur Verfügung zu stellen.

Stefan Schrader; Kapitalmarktstratege Hörtkorn Finanzen – Schlussfolgerung:

Es verändert sich nicht nur das erwartete Zinsniveau – es verändert sich auch der Preis des Vertrauens.

Aus „risikolos“ wird „nicht mehr risikofrei“

Staatsanleihen großer Industrieländer gelten in der Finanztheorie weiterhin als risikolos. Diese Annahme wird der Realität zunehmend weniger gerecht.

Bei Staaten, die sich in der eigenen Währung verschulden, liegt das Hauptrisiko nicht unbedingt in einem klassischen Zahlungsausfall. Entscheidend ist vielmehr, welchen realen Wert die zurückgezahlten Beträge besitzen.

Das Risiko kann sich durch dauerhaft höhere Inflation, Währungsabwertung, finanzielle Repression, steigende Steuern oder erhebliche Kursverluste materialisieren. „Risikolos“ bedeutet dann lediglich, dass der Anleger seinen Nominalbetrag wahrscheinlich zurückerhält – nicht aber dessen ursprüngliche Kaufkraft.

Kapitalmarktstratege - Stefan Schrader

Stefan Schrader
Kapitalmarktstratege
Hörtkorn Finanzen GmbH

Unser langjährig verbundener Geschäftspartner Stefan Schrader berät das Hörtkorn Team als freier Kapitalmarktstratege und steht unseren Kunden mit seinen Marktanalysen und Prognosen zu verschiedenen Anlagekategorien zur Seite. Seit 1994 ist er auf makroökonomische Analyse spezialisiert.

Die Schulden wachsen schneller als die Tragfähigkeit

Die Skepsis des Marktes ist nachvollziehbar. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass die weltweite Staatsverschuldung von knapp 94 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung im Jahr 2025 bis 2029 auf rund 100 Prozent steigt. Gleichzeitig erhöhen steigende Sozial , Verteidigungs- und Zinsausgaben den Druck auf die Staatshaushalte. (Quellen: IWF, Fiscal Monitor April 2026)

In den USA dürfte das Haushaltsdefizit 2026 rund 1,9 Billionen US-Dollar beziehungsweise 5,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Die vom Publikum gehaltenen Bundesschulden sollen von etwa 101 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2026 auf 120 Prozent im Jahr 2036 steigen. Wesentlicher Treiber sind die wachsenden Zinsaufwendungen. (Congressional Budget Office)

Auch Europa ist von einer nachhaltigen Konsolidierung weit entfernt. Ende 2025 lag die Staatsverschuldung des Euroraums bei 87,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Frankreich dürfte 2026 ein Defizit von 5,1 Prozent ausweisen; seine Schuldenquote könnte bis 2027 auf rund 120 Prozent steigen. (Eurostat, Europäische Kommission)

Problematisch ist daher nicht allein die heutige Schuldenhöhe. Es ist die Kombination aus weiter steigenden Schulden, strukturellen Defiziten, höheren Refinanzierungszinsen und wachsenden politischen Ausgabenversprechen.

Willkommen im Melt-down-Boom

Aus dieser Konstellation leite ich eine Entwicklung ab, die ich als Melt-down-Boom bezeichne.

Der Begriff beschreibt ein scheinbares Paradox: Der strukturelle Vertrauensverlust in Staatsanleihen und andere langfristige Nominalwerte – der schrittweise Melt-down – sollte einen starken und langanhaltenden Boom sachwertnaher Investments auslösen.

Dazu zählen Aktien, Immobilien, Infrastruktur, Gold und Private Equity.

Natürlich können nicht alle Anleger ihre Anleihen gleichzeitig verkaufen. Jeder Verkäufer benötigt einen Käufer. Kapitalströme wirken jedoch über Grenzpreise: Bereits moderate Veränderungen der gewünschten Portfolioquoten können erhebliche Preisbewegungen auslösen.

Das ist relevant, weil der globale Anleihemarkt gewaltig und auch größer als der Aktienmarkt ist. Ende 2025 standen weltweit festverzinsliche Wertpapiere im Umfang von rund 160,7 Billionen US-Dollar aus. Die globale Börsenkapitalisierung der Aktien lag bei 157,8 Billionen US-Dollar. Schon eine vergleichsweise kleine Umschichtung aus Nominalwerten / Zinspapieren kann deshalb an einzelnen Sachwertmärkten erhebliche Wirkungen entfalten. (SIFMA, Capital Markets Fact Book 2026). Da etliche Aktienmärkte schon sehr ambitionierte Bewertungsniveaus erreicht haben, könnten die anderen sachwertnahen Anlageklassen in den kommenden Jahren überdurchschnittlich von diesen Kapitalverschiebungen profitieren.

Warum diesmal steigende Zinsen nicht das letzte Wort haben sollten

Normalerweise belasten steigende Zinsen die Bewertungen/Kurse von Sachwerten. Künftige Unternehmensgewinne und Mieterträge werden mit höheren Sätzen abgezinst, Fremdfinanzierungen verteuern sich und Bewertungen geraten unter Druck.

Dieser Zusammenhang bleibt ggf. kurzfristig in Teilbereichen auch im Melt-down-Boom bestehen. Das gilt bisher vor allem für Immobilien- und Private-Equity-Bewertungen. Ich bin jedoch überzeugt, dass dieser kurzfristige Effekt von einem langfristig stärkeren Neubewertungs- und mithin Aufwertungseffekt überlagert wird.

Wenn Anleger steigende Zinsen nicht mehr als attraktive risikolose Verzinsung verstehen, sondern als Entschädigung für Inflation, fiskalische Unsicherheit und Kaufkraftverluste, verändert sich die Kapitalallokation Richtung Sachwerten. Dann konkurrieren Sachwerte nicht mehr nur mit dem Nominalzins einer Staatsanleihe, sondern mit deren erwarteter realer Rendite nach Inflation und Steuern.

Eine Staatsanleihe mit drei (Deutschland) bis fünf (USA) Prozent Nominalverzinsung p.a. ist nicht automatisch attraktiv, wenn sich Anleger dafür an ein langfristiges und festes Zahlungsversprechen binden, das keinerlei realistische Mehrerlöspotenziale bietet, die veränderte Risiken oder Inflation kompensieren können.

Eine strukturell höhere Bewertungsordnung

Wird meine These die nächsten Jahre Realität, zieht sie die Konsequenz nach sich, dass Investoren sich an Bewertungsniveaus gewöhnen müssen, die im historischen Vergleich dauerhaft erhöht erscheinen.

Das kann höhere Kurs-Gewinn-Verhältnisse an den Aktienmärkten, höhere Kaufpreismultiplikatoren bei Immobilien und auch bei Private-Equity-Transaktionen sowie höhere Goldpreise bedeuten.

Das heißt nicht, dass jede Aktie, jede Immobilie oder jede Beteiligung im Wert steigen wird. Je mehr Kapital in Sachwerte drängt, desto wichtiger werden Qualität und Selektion. Qualitativ schwache Investments werden sogar umso mehr unter Druck geraten, gerade weil der kurzfristig nutzbare nominale Zinssatz erhöht bleiben wird. Die Chance erfolgreich zu nutzen, bringt also auch einen erhöhten Selektionsanspruch mit sich.

Die Flut hebt alle Boote

„Sachwert“ ist deswegen nicht automatisch ein Synonym für Werthaltigkeit. Aber der Bewertungsanker des gesamten Systems sollte sich verschieben. Was rückblickend teuer erscheint, kann in einer Welt sinkenden Vertrauens in Nominalwerte das neue Normal darstellen.

Die Verlockung der drei bis fünf Prozent

Aktuell ist die Versuchung groß, langfristige Staatsanleihen zu kaufen. Die Inflation wirkt gemäßigt, während die nominalen Renditen deutlich gestiegen sind. In einer Momentaufnahme sind damit auch die Realzinsen attraktiver geworden.

Kurzfristig könnte das zum „Geld-Parken“ sogar zweckmäßig erscheinen. Problematisch wird es, wenn eine taktisch kurzfristige Chance zur strategischen Positionierung für mittel- und langfristige Planungshorizonte wird, und auch wenn Anleger von Marktkorrekturen wie in der vorletzten Woche auf dem falschen Fuß erwischt werden. So haben Anleger, die vor 2022 in Anleihen investiert hatten, noch längst nicht wieder ihre Einstiegskurse „verdient“. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass versehentliches „falsch Parken“ beim Kapital teuer werden kann.

Das größere Risiko könnte sein, nicht investiert zu sein

Aktien sind vor allem in den USA und einzelnen Wachstumssegmenten historisch hoch bewertet. Auch Gold hat bereits erheblich zugelegt. Meines Erachtens liegt das beim Gold bereits an erkennbaren strategischen und langfristigen Werttreibern, die unter anderem im Melt-down-Boom zu finden sind. Bei Aktien – vor allem in den USA – sorgt natürlich der inzwischen beträchtliche Hype der Aktien rund um den Sektor der Künstlichen Intelligenz für teilweise äußerst ambitionierte Bewertungsniveaus.

So liegt das Shiller KGV (KGV = Kurs Gewinn Verhältnis / Kaufpreismultiplikator) der US-Aktien inzwischen bei 40 Jahresgewinnen. Anmerkung: Das Shiller KGV halte ich für aussagekräftiger als das statische KGV, über das meist medial berichtet wird. Das aktuelle KGV der US-Aktien liegt bei rund 20 Jahresgewinnen.

Erläuterung: Beim Shiller KGV werden die durchschnittlichen Gewinnmargen der Unternehmen aus der zurückliegenden Dekade inflationsbereinigt zugrunde gelegt. Die aktuellen Gewinnmargen in den USA sind mit rund 15 % aktuell fast doppelt so hoch wie im langfristigen Durchschnitt. Eine solche Situation hat sich langfristig immer normalisiert und ist Richtung Mittelwert zurück gekehrt.

Bei guten Immobilien und attraktiven Unternehmensbeteiligungen sind die Einstiegspreise vielfach noch nicht stark gestiegen. Hier wirkt bislang noch mehr der Druck aus gestiegenen Zinsen, wenngleich deutlich erkennbar ist, dass die Talsohle hinter uns liegt.

Stefan Schrader; Kapitalmarktstratege Hörtkorn Finanzen – Fazit:

Nach drei Jahrzehnten als Portfoliomanager lautet eine meiner Schlussfolgerungen: Für mittel- und langfristig orientierte Anleger ist das Risiko, nicht oder unzureichend in produktive Sachwerte investiert zu sein, inzwischen größer als das Risiko der damit einhergehenden zwischenzeitlich in Kauf zu nehmenden und üblichen Kursschwankungen.

Kursschwankungen sind sichtbar und vor allem kurzfristig unangenehm. Der Kaufkraftverlust nominaler Vermögen vollzieht sich dagegen oft leise und unaufhaltsam, in den kommenden Jahren meines Erachtens beschleunigt.

Die kommende Dekade verlangt eine andere Perspektive

Die Verwerfungen der vorvergangenen Woche könnten sich im Rückblick als frühes Signal einer größeren strukturellen Veränderung erweisen.

Die Welt tritt in eine Phase ein, in der Staaten immer größere Kapitalbeträge benötigen, während Investoren höhere Risikoprämien verlangen. Steigende Zinslasten verschärfen dabei genau jene Haushaltsprobleme, die die höheren Renditen ausgelöst haben.

Der Melt-down-Boom ist keine Prognose eines geradlinigen Preisanstiegs bei Sachwerten, und auch wenn „die Flut alle Boote hebt“, schon gar nicht für Sorglosigkeit bei der Selektion. Sie beschreibt jedoch eine grundlegende Verschiebung: weg vom unbedingten Vertrauen in nominale Zahlungsversprechen und hin zum Eigentum an produktiven und realen Vermögenswerten. Umgangssprachlich könnte man auch sagen:

„Raus aus Geldwerten, rein in Sachwerte.“

Wer sein Vermögen für die kommende Dekade oder darüber hinaus aufstellt, sollte diese Entwicklung nicht als kurzfristige Marktmeinung behandeln. Sie gehört aus meiner Sicht zu den zentralen strategischen Fragen jeder langfristigen Vermögensallokation.

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August 2026

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Sabrina Kramer - Leiterin Investorenbetreuung
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